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Gesellschaft
Die Struktur der chinesischen Gesellschaft.
In der Antike war China – wie viele andere Länder auch - eine Agrargesellschaft. Die damit verbundenen Naturprobleme veranlassten und zwangen die Bauern, zu kooperieren, um das Überleben zu sichern - so entstanden im Laufe der Zeit im ganzen Land regionale Klans. Ein Klan ist eine verwandtschaftlich und regional begründete Gemeinde und gilt zugleich als Grundzelle der traditionellen chinesischen Gesellschaft.
In diesem Artikel erklärt der Autor Nico Winklmüller, wie Klans sich entwickelt haben und welche Rolle ihnen in der heutigen Gesellschaft zukommt.
Chinesische Klans bestanden vorwiegend aus Familien und Dorfgemeinschaften. Diese wiederum entwickelten sich zur Basis der damaligen chinesischen Gesellschaft, die folgendermaßen aufgebaut war: Es existierten auf der einen Seite die zentralisierte, staatliche Bürokratie und auf der anderen Seite die einzelnen, im ganzen Land verteilten Klans.
Aufgrund der enormen Größe des Landes und der wachsenden Bevölkerungszahl war das Klansystem ein gutes Mittel, den Willen des Staates durchzusetzen. Die einzelnen Klans selbst waren geschlossene Gemeinden, die sich völlig autark versorgten. Der Zusammenhalt wurde in erster Linie durch die Notwendigkeit des Überlebenskampfes gegen die Natur gewährleistet. Der Klan galt nicht nur als Produktionseinheit, sondern auch als soziale Gemeinde und politisches Gefüge, tief geprägt von grundlegenden Wertvorstellungen des Ahnenkults.
Dennoch muss das Grundelement für einen Zusammenhalt eines Klans primär dem Überlebenskampf zugeschrieben werden. Das oberste Ziel und natürliches Bedürfnis aller Menschen, egal welcher Kultur sie auch entstammen, ist das Überleben. Der Ahnenkult hat mit Sicherheit den Zusammenhalt gefestigt, aber er war nicht das tragende Element für die Bildung eines solchen Klans.
Innerhalb eines Klans und den Familien sorgten konfuzianische Hierarchiestrukturen bzw. Rollenverteilungen dafür, dass Harmonie und Ordnung gewahrt bleiben. Es handelt sich hierbei um folgende Differenzierungen:
- Vater und Sohn
- Ehemann und Ehefrau
- Mann und Frau
- Älterer Bruder und jüngerer Bruder
- Ältere und Jüngere
Im Allgemeinen bedeutet dieses Hierarchiesystem eine Herrschaft der Männer über die Frauen und der Alten über die Jungen. Dieses Hierarchiesystem in Verbindung mit den anderen konfuzianischen Tugenden Li (Sittlichkeit), Jen (Humanität) und Xiao (Pietät) sollen für die Aufrechthaltung der Harmonie unter den Klanmitgliedern sorgen und somit das Weiterbestehen des Klans sichern. Ein weiteres Mittel, um das Überleben des Klans zu sichern, ist die soziale Kontrolle, die vom Klan selbst durchgeführt wird: Im traditionellen China wurden Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe, Achtung, Anerkennung und Selbstverwirklichung ebenso wie sexuelle und materielle Bedürfnisse überwiegend durch den Klan befriedigt. Die Klanmitglieder standen somit in einer relativ starken Abhängigkeit gegenüber ihrer Gemeinschaft, was unangepasstes Verhalten in der Regel eindämmte. Sollte es dennoch dazu kommen, so wurde dies in der Regel mit Maßnahmen, die zum „Gesichtsverlust“ führten, geahndet. Dieses Druckmittel war ausreichend, um die Zusammengehörigkeit und das Weiterbestehen des Klans zu sichern. Die Kontrolle der sozialen Normen wurde gemäß dem Senioritäts-Prinzip von dem Klanältesten, auch Patriarch genannt, durchgeführt. Dieser hatte sozusagen die „absolute Befehlsgewalt“ und die Klanmitglieder mussten sich seinem Willen fügen. Da der Patriarch nicht alle Führungsaufgaben alleine wahrnehmen konnte, waren ihm verschiedene Gruppenführer unterstellt, die verschiedenen Familiengruppen überwachten. Ihnen waren wiederum die einzelnen Familienoberhäupter (Großväter, Väter) unterstellt.
Während der Klan nun die einzelnen Mitglieder kontrollierte und zusammenhielt, kontrollierte der Staat die Klans, gemäß dem Prinzip „Staatsfamilie“ (chinesisch:: guojia).
Das konfuzianische Familienprinzip wurde erst auf die Klans und schließlich auf das ganze Land auszuweiten, war für die Regierung die beste Möglichkeit, ein Land solcher Größe zu regieren und zu kontrollieren. Diese Gesellschaftsstruktur hat sich bis zum heutigen Tage gehalten. Man findet sie heute in den „Danweis“ wieder.
Was ist eine Danwei?
Der deutsche Asienexperte Oskar Weggel definiert eine Danwei als „diejenige „Einheit“ (so die wörtliche Übersetzung), in der jeder seine Arbeit ableistet und zum Teil auch sein Leben führt, z.B. auf dem Land die Produktionsgemeinschaft, in der Stadt das Wohnviertel, die Fabrik und ihre Umgebung, die Universitätsfakultät etc.“ Die Danwei ist sozusagen die Weiterführung bzw. wieder Inbetriebnahme der antiken Klans. Als im Jahre 1949 die Kommunisten an die Macht kamen, übernahmen sie ein völlig zerrüttetes Land. Das primäre Ziel war nun, die Wirtschaft so schnell wie möglich wieder in Gang zu bringen. Das größte Problem war hierbei: Wie regiert man eine Milliarde Menschen? Aufgrund der Isolierung Chinas durch die westlichen Industrienationen als Folge des Kalten Krieges und aufgrund der Erfahrung im Krieg aus der Vergangenheit, in dem alles in Gruppen organisiert wurde, wurden von der KP die Danweis ins Leben gerufen. Das Danwei-System war für die Regierung somit die beste Möglichkeit, ein Land mit solch geographischen und demographischen Ausmaßen zu regieren. Die Danwei ist somit das Kontrollorgan des Staates über die einzelnen Menschen. Wie die Klans auch, sind die Danweis autarke Gemeinschaften, die ihren Mitgliedern alle nötigen materiellen und sozialen Bedürfnisse liefern und bereitstellen und sie somit in einer gewissen Abhängigkeit halten. Weggel beschreibt die Danwei in Bezug dazu als den Ort, „wo staatliche Rahmenvorschriften zu konkreten Verhaltensanweisungen umgemünzt, wo Streitigkeiten durch Ombudsmänner geschlichtet, Sicherheitsbelange in Eigenverantwortung angepackt und Grund- und Mittelschulen errichtet werden. Hier wird ein Großteil der Daseinsvorsorge erbracht, Sozialhilfe geleistet und politische Demokratie ein- und ausgeübt.“ Ähnlich wie der Patriarch bei den Klans sorgt der Danwei-Vorstand dafür, dass die staatlichen Auferlegungen und Direktiven, die politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art sind, umgesetzt werden. Man könnte auch sagen, dass das Danwei-System das Sozialversicherungssystem Chinas ist.
Das Prinzip „Staatsfamilie“ wird also auch im modernen China fortgeführt. Der Staat kontrolliert und versorgt die Danwei, und die Danwei kontrolliert und versorgt den Einzelnen. Der Einzelne ist loyal gegenüber der Danwei, die Danwei ist loyal gegenüber dem Staat. Das konfuzianische Familienprinzip ausgeweitet auf eine ganze Nation.
Die Danweis waren sehr stark verbreitet während der Ära Mao Zedong und auch noch in den achtziger Jahren, doch mit Einzug der Marktwirtschaft und des Kapitalismus in China Anfang der neunziger Jahre verloren die Danweis immer mehr an Bedeutung, da viele Unternehmen privatisiert wurden. Somit sind Danweis heute vorwiegend auf dem Land zu finden, während die Anzahl in urbanen Gebieten eher klein ist. Nichtsdestotrotz sind die Parallelen zwischen Klan und Danwei offensichtlich. An den Danweis ist zu erkennen, dass das konfuzianische Denken auch heute noch präsent und die Grundstruktur der chinesischen Gesellschaft nach wie vor danach ausgerichtet ist.


























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